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Ulrich von Schroeder

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Das Königreich Nepal & nepalesische Schulen in Tibet

(Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Hobbs)

 

Das ehemalige Königreich Nepal, eingebettet in den Tälern an der Südseite des Himalaja, bildet in vielerlei Hinsicht den Übergang zwischen den heissen, üppigen Ebenen Indiens im Süden und dem kalten, trockenen Wüstenplateau von Tibet im Norden. Buddhisten und Hindus lebten hier lange relativ friedlich miteinander inmitten vielfältiger religiöser Traditionen. Aufgrund des fast vollständigen Verschwindens des Buddhismus in Indien gegen Ende des 12. Jahrhunderts nahm die Bedeutung Nepals, insbesondere des Tals von Kathmandu, als wichtiges Zentrum buddhistischer Studien und künstlerischer Produktion dramatisch zu. Die künstlerischen Traditionen Nepals, darunter Architektur, Skulptur und Malerei, waren stark von Nordost-Indien beeinflusst. Von all den verschiedenen künstlerischen Fertigkeiten erlangte Nepal seine grösste Bekanntheit aufgrund seiner Tradition der Metallverarbeitung. Darüber hinaus waren ab dem 7. Jahrhundert hauptsächlich nepalesische Newari als auswärtige Handwerker in Tibet tätig.

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    Unter den nepalesischen Skulpturen in der Sammlung Alain Bordier befindet sich eine Kupferstatue des Bodhisattva Vajrapani aus dem 10. und 11. Jahrhundert (19). Da sie im Tal von Kathmandu fast täglich umfangreichen rituellen Waschungen und Handgriffen unterzogen wurde, entstand eine glatte Oberfläche, auf der nur noch wenige Reste der Vergoldung erkennbar ist. In der Obhut eines tibetischen Klosters wäre von der ursprünglichen Quecksilbervergoldung und den eingelegten Edelsteinen viel mehr erhalten geblieben. Dies gilt auch für das Bildnis einer stehenden Tara mit einer blauen Lilie, die an der linken Schulter erblüht (22). Hier sei daran erinnert, dass Lotusblüten ausschliesslich Attribute hinduistischer Göttinnen sind, während buddhistische Göttinnen mit Lilien dargestellt werden. Die Wasserlilie (Utpala) ist eine Blume der Nacht und mit dem Mond verwandt; wohingegen die Lotusblume (Padma) eine Blume des Tages ist und somit mit der Sonne zugeordnet wird.

    Eine weitere seltene nepalesische Statue stellt Kubera oder Jambhala dar. Mit der linken Hand hält er eine Manguste (Nakula), die auf dem linken Knie ruht. Die Manguste ist das juwelenspeiende Attribut von Kubera, Jambhala, Vaishravana und anderen Gottheiten, die mit dem Kult des Wohlstands in Verbindung gebracht werden (24). Die Newari waren auch grossartige Holzbildhauer, wie eine zierliche Holzstatue von Mahashri-Tara oder "Tara des grossen Glücks" (20) zeigt. Obwohl sie aus dem 15. Jahrhundert stammt, scheint ein grosser Teil der ursprünglichen Bemalung intakt geblieben zu sein.

    Seit Anbeginn der Verbreitung des Buddhismus in Tibet waren die Newari aus dem Tal von Kathmandu im Handel und Kunsthandwerk im Land tätig. Als berühmte Metallhandwerker kombinierten sie oft ihre spezialisierten Fertigkeiten mit Handelstätigkeiten. Manjushri in der "Haltung der königlichen Gelassenheit", hergestellt aus einem vergoldeten Blech gehämmerten Kupfers, kann den nepalesischen Schulen in Tibet zugeschrieben werden (23). Gelehrte Newari spielten auch eine wichtige Rolle bei der Übertragung der buddhistischen Lehren in Tibet. Während der "zweiten Ausbreitung" des Buddhismus in Tibet besuchten viele tibetische Mönche die Klöster im Tal von Kathmandu, und blieben dort auch über Jahre hinweg, um ihre Studien zu vertiefen.

   Ab etwa dem 12. Jahrhundert wurden Newar-Künstler aus dem Tal von Kathmandu zunehmend von den Herrschern des Königreichs Khasha Malla in West-Nepal beschäftigt. Sie dehnten die von ihnen kontrollierten Gebiete bis nach West-Tibet (Ende des 11. bis Mitte des 14. Jahrhunderts) aus. Diese künstlerische Tradition wird durch die Statue des gekrönten Buddha Shakyamuni illustriert (21). Einige stilistische Merkmale, wie die Blumen über den Ohren, unterstützen diese Zuschreibung. Die Herstellungsweise dieser Statuen zeigt viele Ähnlichkeiten mit Werken, die aus dem Tal von Kathmandu stammen, ein Merkmal, das auch auf die Gemälde zutrifft, die von Mäzenen aus Khasha Malla in Auftrag gegeben wurden (17).

 

 

19.  Vajrapani. Nepal; Übergangszeit: 950-1050 u.Z.

       Kupfer mit Resten von Vergoldung; Hohlguss. Höhe: 41,5 cm

20.  Mahashri-Tara. Nepal; frühe Malla-Periode: 15. Jahrhundert.

       Holz mit original bemaltem Dekor. Höhe: 71,5 cm

21.  Buddha Shakyamuni. West-Nepal; Khasha Malla: 14. Jahrhundert. 

        Vergoldetes Kupfer; Hohlguss. Höhe: 24,9 cm

22.  Gottheit Tara. Nepal; Übergangszeit: ca. 11. Jahrhundert.

       Kupfer mit Resten von Vergoldung; massiv gegossen. Höhe: 24,2 cm

23.  Manjushri. Tibet; nepalesische Schule: 13./14 Jahrhundert.

       Vergoldetes Blech aus gehämmertem Kupfer. Höhe: 26,5 cm

24.  Kubera oder Jambhala.  Nepal; frühe Malla-Periode: 13. Jahrhundert. 

        Vergoldetes Kupfer. Mit eingelegten Edelsteinen. Höhe: 20 cm

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