Ulrich von Schroeder

Tibetische Traditionen der Kupfervergoldung

(Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Hobbs)

 

Als der Buddhismus im 7. Jahrhundert am tibetischen Hof Einzug hielt, war diese Religion bereits seit mindestens 500 Jahren in allen umliegenden Ländern praktiziert worden. Der Legende nach wurden die ersten buddhistischen Bildnisse von den zwei Ehefrauen des König Songtsen Gampo aus China, respektive aus Nepal nach Tibet gebracht. Während der Einführung des Buddhismus waren die Tibeter in vielerlei Hinsicht auf Hilfe von aussen angewiesen. Neben den Missionaren und Übersetzern aus Indien, Nepal, Zentralasien und China bestand auch ein Bedarf an fähigen Künstlern. Zu dieser Zeit waren tibetische Künstler technisch nicht in der Lage, die für die tägliche Praxis benötigten Statuen und Gemälde herzustellen. Während der "ersten Ausbreitung" des Buddhismus in Tibet halfen altgediente Künstler aus Nordwest-Indien und Newari aus dem Tal von Kathmandu, um diese Lücke zu füllen. Während der "zweiten Ausbreitung" ab dem späten 10. Jahrhundert setzte sich der Einfluss Nordost-Indiens durch. Dies betraf nicht nur die Lehrer und Übersetzer, sondern auch die Kunsthandwerker. 

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Natürlich eigneten sich im Laufe der Zeit immer mehr tibetische Künstler die notwendigen Fähigkeiten an. Die indischen und nepalesischen Künstler, von denen die Tibeter das Handwerk des Giessens buddhistischer Statuen erlernten, bedienten sich im Wesentlichen zweier Methoden. Die Künstler aus Nord-Indien und dem westlichen Himalaya bevorzugten Messing, oft in Kombination mit Einlegearbeiten aus Silber und Kupfer (1-9). Die nepalesischen Newari aus dem Tal von Kathmandu bevorzugten eindeutig vergoldetes Kupfer (19-24). Es ist daher angebracht, die tibetischen Metallbildnisse entsprechend zu unterteilen: "Tibetische Traditionen der Kupfervergoldung" (25-30) und "Tibetische Messing-Traditionen" (31-36).

    Die tantrische Meditationspraxis zielt darauf ab, einen klaren Geisteszustand zu erhalten, sowie positive Energie und eine kreative Synthese durch die Vereinigung von Gegensätzen auf einer höheren Ebene zu entwickeln. Paare in sexueller Vereinigung, hier illustriert durch zwei vergoldete Kupferskulpturen, stellen symbolisch die Vereinigung von männlicher und weiblicher Energie dar. Die eine zeigt Rakta-Yamari vereint mit Svabha-Prajna (25), die andere Chakrasamvara vereint mit Vajravarahi (27). Die Künstler, welche Meisterwerke von solcher Komplexität geschaffen haben, blieben zwar in den meisten Fällen anonym. Dennoch ist mit nepalesischem Einfluss oder aktiver Beteiligung zu rechnen. Abgebildet ist auch eine Dakini oder Yogini als Beispiel für die Manifestation einer weiblichen zornvollen Gottheit, die ihren Ursprung in vorbuddhistischen Vorstellungen weiblicher Dämonen der Kremationsstätten hat (26).

    Je nach Grösse und Komplexität konnten die Statuen in einem Stück gegossen werden oder sie mussten aus mehreren separat gegossenen Teilen zusammengesetzt werden, wie im Fall des abgebildeten Manjughosha (28). Die Schönheit der Bildnisse konnte durch das Einlegen von Edelsteinen betont werden. Die Nepalesen verwendeten lichtdurchlässige Steine wie Rubine, Smaragde und Bergkristall. Die Tibeter bevorzugten neben Koralle, Lapislazuli und Bernstein auch Türkis.

    In allen religiösen Traditionen, einschliesslich des Buddhismus, sind Lehrer zur Bewahrung und Transmission einer bestimmten Tradition von einer Generation zur nächsten von grosser Bedeutung. Dies ist auch im tibetischen Vajrayana-Buddhismus der Fall, wo es üblich wurde, Porträt-Skulpturen grosser Lehrer zu erschaffen. Die Namen der beiden abgebildeten Lehrer sind in tibetischen Inschriften festgehalten: Die Porträtstatue mit Bart stellt Chos kyi rje grags pa 'byung gnas dar (29). Er muss jedoch noch mit einem bekannten Meister identifiziert werden. Der andere Lehrer ist durch die Inschrift als dKon mchog rgyal mtshan dpal bzang po identifiziert, möglicherweise identisch mit Könchog Gyaltsen (1388-1469), dem 2. Abt von Ngor (30). Natürlich kann es paradox erscheinen, einerseits Porträtstatuen grosser Meistern zu erschaffen, während diese ihrerseits eine Tradition aufrechterhielten, die auf der Auslöschung des Egos basiert war und welche die Unbeständigkeit aller Erscheinungsformen betonte.

 

 

25.  Rakta-Yamari. Tibetische Traditionen der Kupfervergoldung: 16. Jahrhundert.

       Vergoldetes Kupfer; Hohlguss. Höhe: 19 cm

26.  Vajrayogini. Tibetische Traditionen der Kupfervergoldung: 15. Jahrhundert.

       Vergoldetes Kupfer; mit Türkis eingelegt. Höhe: 24 cm

27.  Chakrasamvara. Tibetische Traditionen der Kupfervergoldung: 15. Jahrhundert.

       Vergoldetes Kupfer; mit Türkisen eingelegt. Höhe: 28,5 cm

28.  Manjugosha. Tibetische Traditionen der Kupfervergoldung: 13. Jahrhundert.

       Vergoldetes Kupfer; aus mehreren Teilen zusammengefügt. Höhe: 68 cm

29.  Chökyi Je Drakpa Jungne. Tibet: 16./17. Jahrhundert.

       Vergoldetes Kupfer; Hohlguss. Höhe: 29,5 cm

30.  Könchog Gyaltsen (1388-1469). Tibet: 15. Jahrhundert.

       Hohlguss in Silber, teilweise vergoldet. Höhe: 17 cm

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