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Ulrich von Schroeder

Nordwestliches Indien: Swat- und Kaschmir-Regionen

(Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Hobbs)

Die ältesten buddhistischen Statuen der Sammlung Alain Bordier sind aus dem 6./7. Jahrhundert datiert und stammen aus dem nordwestlichen Teil des indischen Subkontinents, insbesondere aus dem Grossraum Swat und Kaschmir. Das auffälligste dieser Objekte ist ein ungewöhnlich grosses Messingbildnis aus der Grossregion Swat, das eine asketische Form des buddhistischen Bodhisattva Avalokiteshvara repräsentiert (1). Einen weiteren Höhepunkt bildet eine Messingstatue, die als "nachdenkliche Form der Avalokiteshvara" (2) bezeichnet wird. Für diese charakteristische Geste mit der rechten Hand wurde bislang kein Textbezug gefunden. Dennoch könnte der zweifellos nachdenkliche und vielleicht melancholische Ausdruck den Bodhisattva vielleicht als "Herrn des grossen Mitgefühls" (Mahakarunika) darstellen. Die "nachdenkliche Geste" wird auch mit einer meditierenden Form des Avalokiteshvara in Verbindung gebracht. Vermutlich dem griechisch-römischen Einfluss geschuldet, erscheint dieser Bodhisattva-Typus auf dem indischen Subkontinent zum ersten Mal während der Kushana-Dynastie (1.-3. Jh. n. Chr.) in der Kunst Gandharas und auch in Mathura. Der ikonographische Typus der Bodhisattva-Bildnisse mit der "nachdenklichen Geste" verbreitete sich von Indien bis China und weiter nach Korea und Japan.

    Einige der raffiniertesten buddhistischen Skulpturen, die aus Nordwest-Indien stammen, können dem Königreich Patola-Shahi zugeschrieben werden, das zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert seine Blüte hatte und dessen Territorium das Gebiet von Gilgit im Norden Pakistans umfasste (3). Abgebildet ist ein gekrönter Buddha Shakyamuni, der die "Geste des Rades der Lehre" (Dharmacakra-Mudra) zeigt. Laut der datierten Widmungsinschrift in Sharada-Schrift wurde dieses Bildnis im Jahr 54 der Laukika-Ära gestiftet, was dem Jahr 78/9 eines unbekannten Jahrhunderts entspricht. In Bezugnahme auf andere veröffentlichte Statuen könnte das wahrscheinlichste Datum sein: 624/25 + 54 = 678/ 9.

    Das Tal von Kaschmir, im nordwestlichen Teil des indischen Subkontinents gelegen, ist eine weitere Region mit einer langen Tradition des Buddhismus. Unter den abgebildeten Statuen befindet sich eine kleine Darstellung des Buddha, in der er in der Diamanthaltung sitzt und die "Geste des Rades des Gesetzes" (4) zeigt. Die glänzende Oberfläche des Metalls ist das Ergebnis ausgiebiger ritueller Verehrung durch aufeinanderfolgende Generationen buddhistischer Mönche in Indien und Tibet. Die stilistischen und technischen Merkmale dieses Buddha-Bildnisses weisen zeitlich auf die erste Hälfte des 8. Jahrhundert und die Region Kaschmir als Herstellungsort hin.

Unter den aus Nordwest-Indien stammenden Metallstatuen sind vor allem Darstellungen von Buddhas und Bodhisattvas verbreitet. Weibliche Gottheiten wie die "grüne Tara" (5) waren eher in den angrenzenden Gebieten West-Tibets beliebt. Der in Verehrung neben dem Sockel kniende Mann könnte den tibetischen Gönner darstellen, der diese Statue bei einem Handwerker aus Kaschmir in Auftrag gab.

    Bildnisse, die Buddha sitzend mit „hängenden“ Beinen (Bhadrasana) darstellen und in denen er  die "Geste des Rades der Lehre" zeigt, werden in der modernen Literatur üblicherweise als Buddha Maitreya, den "zukünftigen Buddha", identifiziert (6). Wie aber andere Buddha-Statuen dokumentieren, könnten so bezeichnete Bildnisse ebenso gut den historischen Buddha Shakyamuni während seiner ersten Predigt in Sarnath darstellen. Gemäss chinesischer Übersetzungen der indischen Sanskrit-Sadhanas ist der Stupa eines der wichtigsten Embleme des Maitreya. Dennoch ist der Stupa, der den Nimbus der Buddha-Statue krönt, kein eindeutiger Beweis dafür, dass es sich hier um Maitreya handelt. Denn wie unzählige unterschiedliche Ikonographien aus Kaschmir zeigen, ist dieses Merkmal nicht ausschliesslich auf Darstellungen des Maitreya beschränkt.

1.  Avalokiteshvara Padmapani. Nordwest-Indien; Swat: 7. Jahrhundert.

     Messing; Hohlguss. Mit Silber eingelegt. Höhe: 23,5 cm

2.  Nachdenklicher Avalokiteshvara. Nordwest-Indien; Gupta-Stil: 6. Jahrhundert

     Messing; Hohlguss. Höhe: 14,5 cm

3.  Gekrönter Buddha. Nordwest-Indien; Gilgit: datiert 678/679 n. Chr.

     Messing; mit Einlegearbeiten aus Silber und Kupfer. Höhe: 22 cm

4.  Buddha Shakyamuni. Nordwest-Indien; Kaschmir: 700-750 n. Chr.

     Messing; mit Silber eingelegt. Höhe: 12 cm

5.  Shyama Tara. Nordwest-Indien; Kaschmir: ca. 10. Jahrhundert.

     Messing; Hohlguss. Höhe: 14,5 cm

6.  Maitreya oder Shakyamuni. Nordwest-Indien; Kaschmir: 9./10. Jahrhundert.

      Messing; mit Einlegearbeiten aus Silber und Kupfer. Höhe: 15,9 cm

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